In Dänemark sorgt ein Fall für internationales Aufsehen: Ein neugeborenes Mädchen wurde nur eine Stunde nach der Geburt von den Behörden der Mutter weggenommen, wie unter anderem die britische Zeitung The Guardian berichtete. Die Mutter, die 18-jährige Ivana Nikoline Brunlund, stammt aus Grönland und wurde aufgrund eines sogenannten «Elternkompetenztests» als «ungeeignet» eingestuft – obwohl die Anwendung solcher Tests für Personen grönländischer Herkunft seit Mai 2025 ausdrücklich verboten ist.
Ivana brachte ihre Tochter am 11. August im Krankenhaus von Hvidovre nahe Kopenhagen zur Welt. Bereits eine Stunde später nahmen die Behörden das Baby in staatliche Obhut und übergaben es einer Pflegefamilie. Als Begründung nannten sie psychologische Einschätzungen, wonach die junge Mutter durch ihre eigene Vergangenheit – insbesondere den sexuellen Missbrauch durch ihren Stiefvater – traumatisiert sei und ihr Kind vernachlässigen könnte.
Die Tests zur Feststellung der «Elternfähigkeit» (FKU) sind seit Mai 2025 für grönländische Inuit-Mütter gesetzlich untersagt. Ivana wurde bereits ab April diesen Tests unterzogen – obwohl der Gesetzgebungsprozess zu diesem Zeitpunkt bereits lief. Die Behörden begründeten die Maßnahme später damit, Ivana sei «nicht grönländisch genug», um unter den Schutz der neuen Vorschrift zu fallen – trotz ihrer Herkunft aus Nuuk und ihrer Adoption durch grönländische Eltern.
Die dänische Sozialministerin Sofie Hæstorp Andersen zeigte sich besorgt über den Vorfall und forderte Aufklärung vom zuständigen Gemeinderat in Høje-Taastrup. Auch internationale Organisationen und Menschenrechtsgruppen kritisieren den Umgang der Behörden scharf. Demonstrationen sind in Nuuk, Kopenhagen, Reykjavik und Belfast angekündigt.
Ivana durfte den Berichten nach ihre Tochter bislang nur einmal für eine Stunde sehen – ohne Körperkontakt. Ein erneutes Treffen wurde diese Woche abgebrochen, da das Kind als überreizt galt. Ihre nächste Gelegenheit, ihre Tochter zu sehen, ist erst wieder in zwei Wochen. Das Sorgerechtsverfahren läuft, eine gerichtliche Anhörung ist für den 16. September angesetzt.
Die Organisation Foreningen MAPI, die Inuit-Familien in Dänemark unterstützt, spricht von einem Versagen des Systems gegenüber Mutter und Kind. Auch Politiker in Grönland fordern Konsequenzen. Die Ministerin Andersen erklärte, jeder Fall, der Kinder grönländischer Herkunft betrifft, müsse zwingend über die zentrale Beratungseinheit VISO laufen – was in diesem Fall offenbar nicht korrekt umgesetzt wurde.
Der Fall wirft ein Schlaglicht auf strukturelle Probleme im Umgang mit Minderheiten in Dänemark und stellt die Glaubwürdigkeit staatlicher Schutzmechanismen infrage. Für viele ist der Fall Brunlund nicht nur ein Einzelfall – sondern ein Symptom tiefer liegender, systemischer Diskriminierung.