Das Festival «Musik statt Krieg» war auch bei seiner 23. Auflage am 23. August dieses Jahres wieder eine Plattform für Künstler, die sich für den Frieden engagieren (wir berichteten). Einer von ihnen war der Musiker Michael Seidel, der sich selbst als «Lumpenpazifist» bezeichnet. Als langjähriger Freund von Festival-Initiator Tino Eisbrenner teilt er dessen Sorge über eine «kriegstüchtige» Gesellschaft und die zunehmende gesellschaftliche Spaltung. Im Gespräch äußert er seine größte Sorge: die Angst vor einer humorlosen Gesellschaft, in der keine kritischen Töne mehr zugelassen werden.
Michael Seidel mit Band beim Festival «Musik statt Krieg» am 23. August (Fotos Tilo Gräser)
Transition News: Herr Seidel, warum treten Sie beim Festival «Musik statt Krieg» auf?
Michael Seidel: Weil es ein guter Anlass ist und ein Thema, das mich immer schon interessiert hat. Ich bin quasi auch ein «Lumpenpazifist» und habe das schon immer verfolgt. Tino und ich sind befreundet, und ich war auch bei der Demonstration im Mai am Sowjetischen Ehrenmal in Berlin mit ihm. Das Thema Frieden treibt uns heutzutage um, weil es einfach so wichtig ist. Dieses «kriegstüchtige» Geschwätz ist unerträglich. Ich wohne auf dem Dorf, und wenn plötzlich die Bundeswehr im Fernsehen zu sehen ist oder Kampfhubschrauber mit Überschall über den See donnern, ist das kaum auszuhalten. Da braucht es Stimmen wie die von Tino Eisbrenner. Ich bin beeindruckt von seiner Standhaftigkeit, wie er seinen Weg geht und sich von nichts und niemandem beeindrucken lässt. Ich glaube, wir alle brauchen ein gerütteltes Maß an dieser Ruhe und Standhaftigkeit. Ich freue mich einfach, hier sein zu können.
Sind Sie zum ersten Mal dabei?
Nein, ich bin nicht das erste Mal hier. Wir waren schon vorletztes Jahr als Gäste da. Meine Frau war schon mehrere Mal da. Es ist für uns nichts Neues, aber ich finde es schön, dass über die Jahre immer mehr Leute gekommen sind. Die sogenannte Zeitenwende ist so vehement in unser Leben «reingeknallt», das macht einen nachdenklich. Und wenn man da wenigstens ein kleines bisschen etwas beitragen kann, freut man sich.
In einem gemeinsamen Gespräch mit Tino Eisbrenner ging es beim Soljanka-Essen um die Aufgabe der Kunst. Was ist Ihre Meinung dazu?
Als Künstler sehe ich es als meine Aufgabe, Optimismus zu verbreiten und Hoffnung zu stiften, damit man nicht ganz den Mut verliert. In einer Zeit, in der die Gesellschaft auseinanderdriftet, möchte ich die Menschen durch meine Kunst zusammenbringen. Ob bei einem Volksliederabend, bei dem hundert Menschen gemeinsam singen, oder in anderen Kontexten – die Schaffung von Gemeinschaft und Zusammenhalt ist für mich das Wichtigste.
Was kann Musik gegen Krieg ausrichten? Es gibt ja auch Marschlieder, die Soldaten im Krieg anheizen.
Musik dringt direkt in uns ein und kann Menschen für ein Thema sensibilisieren. Ein Lied regt zum Nachdenken an und schafft das Gefühl, nicht allein zu sein. Man erkennt, dass es andere gibt, die ähnlich fühlen. Ob es um Frieden oder ein anderes Thema geht, wir Künstler können nur ein Angebot machen. Wie Bertolt Brecht formulierte: «Ich habe ein Angebot gemacht.» Wir können nicht erwarten, dass drei Lieder plötzlich Frieden schaffen, aber wir können eine Plattform für Gemeinschaft und Reflexion bieten.
Bei dem Gespräch mit Tino Eisbrenner auf YouTube am Vorabend des Festivals ging es auch um «Cancel Culture». Tino hat erzählt, dass er von Veranstaltern nicht mehr eingeladen wird. Sie haben mit Uwe Steimle zusammengearbeitet, dem Ähnliches passiert ist. Was haben Sie in diesem Bereich erlebt und wie gehen Sie damit um?
Man muss nur den Namen Uwe Steimle nennen und alle wissen, was passiert ist. Wir wurden 2019 quasi vom MDR «abgeschaltet». Obwohl der MDR versicherte, weiter mit uns arbeiten zu wollen, habe ich gemerkt, dass man mich sozusagen mit ihm zusammen «abgestraft» hat. Heute kommt es vor, dass Leute aus meinen Konzerten gehen, weil ich ein Lied über den «Gender-Mann» singe. Ich frage sie dann: «Warum musst du mich wegen eines Liedes sofort in eine Schublade stecken?» Ich war schon links, als es «rechts» noch gar nicht gab. Das ist völliger Unsinn. Früher in der DDR ging es viel um Ideologie, dann kam das neue Geldsystem, an das wir uns gewöhnt haben. Jetzt geht es wieder um Geld und Ideologie.
Mchael Seidel vor seinem Auftritt beim Festival
Wir wissen, wo das hinführt, und es ist erschreckend. Wie Wenzel es schon sagte und ich seit Ewigkeiten wiederhole: Ich habe Angst vor einer so humorlosen Gesellschaft, in der man nicht mehr über sich selbst lachen kann. Es gibt Verbote, Leute werden nicht mehr eingeladen und können nicht auftreten. Das ist eine grausame Entwicklung. Es sollte doch eigentlich nur darum gehen, sich auf die Bühne zu stellen und zu singen, und das Publikum entscheidet: «Gefällt mir oder gefällt mir nicht.» Es geht nicht darum, Menschen vorher schon einzuordnen, denn diese «Seiten» gibt es gar nicht mehr.
Sie haben ja auch in der DDR Musik gemacht. Viele vergleichen, was sie jetzt erleben, mit der damaligen Zeit: die Ideologie, die Engstirnigkeit, die Arroganz der Macht. Gibt es für Sie da Vergleiche?
Es ist schwer zu vergleichen. Ich kam damals von der Singebewegung und irgendwann sagte Hartmut König, der übrigens letztes Jahr auch hier gesungen hat, zu uns: «Ihr dürft dieses Lied nicht singen.» Das gab es also damals auch schon. Heute sagt mir keiner, dass ich etwas nicht singen darf; die Leute gehen dann einfach. Es ist nicht dasselbe. Die herrschende Ideologie ist zwar der von damals ein wenig ähnlich, aber ich mag den Vergleich «Es ist wie in der DDR» nicht. In der DDR wurdest du aussortiert, selbst wenn du idealistisch für den Staat gekämpft hast. So weit sind wir noch nicht – wir können immerhin noch singen.
Wie nehmen Sie die besondere Atmosphäre, die Stimmung beim Festival wahr?
Ich habe nicht jeden einzelnen Zuschauer genau betrachtet, aber ich spürte, dass die Leute hier sehr engagiert sind und das Festival für sie einen hohen Stellenwert hat. Das gilt natürlich auch für andere Veranstaltungen wie das Wacken-Festival. Aber hier ist die Stimmung besonders angenehm, weil die Menschen alle in eine ähnliche Richtung denken. Es geht nicht nur um Musik, sondern um die klare Botschaft «Musik statt Krieg». Die Besucher kommen ganz bewusst hierher, weil sie für den Frieden eintreten. Das spüre ich schon.
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