Die europäische Spitzenbeamtin Sabine Weyand – Generaldirektorin für Handel und wirtschaftliche Sicherheit in der Europäischen Kommission – sprach beim Europäischen Forum Alpbach ungewöhnlich deutlich. Über den EU-Zolldeal mit den USA erklärte sie unverblümt: «Wenn Sie mich das Wort ‹Verhandlung› nicht haben sagen hören – das liegt daran, dass es keine war.» Mit diesem Satz machte sie den geopolitischen Preis deutlich, den Europa für Stabilität im transatlantischen Verhältnis gezahlt habe, berichtet die Süddeutsche Zeitung (SZ).
Weyand betonte, dass es keinen Austausch von Forderungen oder Angeboten gegeben habe. Vielmehr habe Europa unter massivem Zeitdruck gestanden – getrieben von der Sorge um die Sicherheit – und ein Abkommen akzeptieren müssen, das den USA ihre Zollvorteile belasse, während der europäische Nutzen minimal sei.
Diese Klarheit ist bemerkenswert – insbesondere in einer diplomatischen Sphäre, in der öffentliche Zugeständnisse selten und verhandlungsstrategische Zurückhaltung die Norm sind. Eine solche offene Wortwahl wirft Fragen auf:
- Was steckt hinter diesem schnellen Abkommen? Laut Weyand war ein unmittelbarer Abschluss notwendig, um die transatlantische Beziehung zu stabilisieren – ein Thema, das zunehmend auch mit Sicherheitsgarantien verknüpft wurde. Europa musste handeln, um die Allianz zu wahren.
- Was bedeutet das für Europas strategische Autonomie? Das Fehlen echter Verhandlungen deutet auf eine Schwächung der europäischen Position hin. Kritiker könnten argumentieren, Europa sei in diesem Prozess primär reagierend und weniger gestaltend gewesen.
- Wie reagiert die Öffentlichkeit? Der ungewöhnlich ehrliche Einblick der Generaldirektorin könnte in der EU-Innenpolitik Debatten über den Umgang mit den USA auslösen – insbesondere Fragen nach faireren Handelsbedingungen und stärkerer Eigenständigkeit.
Das Abkommen steht exemplarisch für die Herausforderung, mit der sich Europa derzeit konfrontiert sieht: Wie lässt sich eine strategische Partnerschaft mit den USA aufrechterhalten, ohne auf Dauer defensive Positionen einnehmen zu müssen? Und wie können in Zukunft echte, gleichberechtigte Verhandlungen erreicht werden?
Sabine Weyands Aussagen liefern einen ungewöhnlich klaren Blick hinter die Kulissen – und öffnen damit auch den Raum für eine öffentliche Diskussion über die Rolle der EU in einer zunehmend multipolaren Welt.